Das Evensong-Projekt

Der Evensong-Chor beim Probelauf im Advent 2011

 

Nach einem Probelauf am 17. Dezember 2011 im Rahmen einer Adventmusik haben wir am 6. Mai 2012 mit dem begonnen, was unter der englischen Bezeichnung “Choral Evensong” eine wesentliche Säule der Kirchenmusik an der Marienkirche sein soll.

Was bedeutet also “Choral Evensong”?
Allgemeines zum christlichen Stunden- beziehungsweise Tagzeitengebet

Die christliche Kirche kennt schon aus ihren Anfängen feste, tägliche Gebetszeiten. Die Regeln des Hl. Benedikt, welche für viele der zahlreichen Gründungen von Orden, also klösterlichen Gemeinschaften, richtungsweisend waren, riefen diese Gemeinschaften bis zu sechs Mal täglich zum Gebet zusammen. Dieser Gottesdienst enthielt biblische Lesungen, das gemeinsame Beten bzw. Singen der Psalmen (alttestamentliche Gesänge), Fürbittgebete sowie verschiedene feststehende Elemente.
Später verringerte sich die Anzahl dieser Tagzeitengottesdienste, in denen von Anfang an auch das Singen eine zentrale Bedeutung hatte, auf zwei bis drei - morgens die “Laudes”, nachmittags die “Vesper”, zur Nacht die “Komplet”. Heute noch im Sprachgebrauch ist das Wort “Mette” (z. B. Christmette), abgeleitet von der “Matutin”, dem ursprünglichen Gebet vor Sonnenaufgang.
Große Klosterkirchen, große Stadtkirchen und Domkirchen bzw. Kathedralen (“cathedra” = Bischofssitz) versammelten nicht nur einen Priester und eine Gemeinde, sondern eine Gruppe (Nonnen/Mönche, Domkapitulare usw.) zum Gebet. In vielen alten Kirchen ist im vorderen Teil (Chorraum) ein Chorgestühl zu sehen, also rechts und links gegenüber angeordnete Sitzreihen (bei uns in Rostock noch zu sehen in der Nikolaikirche, der Universitätskirche, im Doberaner Münster).
Dieser Teil der Kirche war oft mit einem Lettner, einer kunstvollen Absperrung vom restlichen Kirchenraum, versehen. Dort beteten bzw. feierten diese Gemeinschaften, die Gemeinde der “normalen” Christen konnte quasi außerhalb zuhörend teilnehmen.
Viele katholische Kirchen, manche evangelische und alle größeren anglikanischen Kirchen beten bzw. singen auch heute diese Tagzeitengottesdienste. Die Beteiligung der Gemeinde ist heutzutage nicht nur zugelassen, sondern ausdrücklich erwünscht.

Die anglikanische Hochform des Abendlobes

Der englische Bischof Thomas Cranmer hat im 16. Jahrhundert die Grundlage für den “Choral Evensong” gelegt. In einer durch die Abspaltung der Englischen Kirche von Rom ausgelösten Neuordnung der Gottesdienste verband er Elemente der Vesper (des Abendgottesdienstes) mit Elementen der Komplet (des Nachtgebets), und schuf mit diesem “Evensong” (Abendlied, Abendlob) genannten Gottesdienst eine dramaturgisch interessantere und reichere Form, als es Vesper und Komplet jeweils für sich wären.
Von Anfang an wurden Optionen für eine reiche musikalische Gestaltung eingearbeitet, für jene Orte, die die entsprechenden Möglichkeiten hatten. Der Begriff “Choral Evensong” meint, dass der Gottesdienst hauptsächlich von einem Chor getragen wird.
Im 19. Jahrhundert gab es eine starke Restaurationsbewegung rund um den anglikanischen Gottesdienst (das “Oxford Movement”), und die alten Formen wurden neu belebt. In Anlehnung an historische Vorbilder wurden einheitliche Chorkleidungen entworfen, zahlreiche neue Vertonungen der Psalmen und anderen Gesangsteile entstanden, für die Begleitung geeignete Orgeln wurden im oder nahe dem Chorraum der Kirchen eingebaut.
In dieser Art feiern größere Kirchen in England manchmal sogar täglich ”Choral Evensong”. Sie pflegen damit auch einen gewissen musikalischen Wettstreit, wenn die wöchentliche Übertragung eines Evensongs aus einer Kirche des Königreiches durch die BBC - seit 1926 die inzwischen am längsten ununterbrochen laufende Live-Sendung außerhalb von Funkhäusern - ansteht.
Die Chöre verwenden für den Sopran durchgängig Kinderstimmen, im überwiegenden Fall nur Jungen. Die Stimmen Alt, Tenor und Bass werden von Männern ausgeführt. Diese Kombination hat eine eigene Klangfarbe, die für viele Epochen der Kirchenmusik gut geeignet und historisch auch korrekt ist. Allerdings gibt es inzwischen auch Sopranreihen, die aus Mädchen bestehen oder aus Jungen und Mädchen gemischt wurden. Im Alt findet man bereits vereinzelt Frauen, auch werden für die unteren Stimmen die hierzulande üblichen gemischten Chöre eingesetzt.
Den großen Anforderungen an die Kinder wird dadurch begegnet, dass sie bis zu zwei mal täglich proben. Dies wiederum geht am besten, wenn die Kirchen eigene Schulen unterhalten. Diese sind meist sehr gefragt, und die zum Chor zugelassenen Schüler bekommen Stipendien bzw. Schulgeldermäßigung. Es gibt aber auch Chöre, deren Kinder “normale” Schulen besuchen. Diese proben seltener, aber die Kinder sind aufgrund der Auszeichnung, solch einem Chor angehören zu dürfen, sehr motiviert. Die erwachsenen Unterstimmensänger werden, wenn auch oft nicht besonders gut, bezahlt.
Etabliert hat sich für viele Musikstücke auch eine anschmiegsame Orgelbegleitung, die den Textausdruck unterstützt, aber niemals den Chorklang dominiert, sondern im Gegenteil auch die Unterstimmen leicht verstärkt. Die Orgel der Rostocker Marienkirche kommt diesem Ansatz sehr entgegen. Allerdings sind stets zwei Kirchenmusiker erforderlich, eine Person als Dirigent und eine als Organist.

Die Adaption für die Rostocker Marienkirche

Die Ordnung des Evensongs ist in der Anglikanischen Kirche ziemlich einheitlich. Für die Rostocker Marienkirche wurde sie wie folgt ausgeformt:

   ●  Orgelvorspiel mit Einzug der Ausführenden
   ●  Begrüßung durch den Liturgen
   ●  Erstes Gemeindelied (nach Möglichkeit mit Bezug zum Kirchenjahr/Festtag)
   ●  Eröffnungsgesang (“Herr, tue meine Lippen auf...)
   ●  Psalmgesang (ein oder mehrere Psalmen in anglikanischer mehrstimmiger Psalmodie)
   ●  Lesung aus dem Alten Testament
   ●  Magnificat (Vertonung des “Meine Seele erhebt den Herren....”)
   ●  Lesung aus dem Neuen Testament
   ●  Nunc dimittis (Vertonung des “Herr, nun lässest du deinen Diener...”)
   ●  Glaubensbekenntnis (gesprochen)
   ●  Wechselgesänge mit teilw. feststehenden Fürbitten und Vaterunser
   ●  Motette (Chorstück mit zum Tag bzw. zur Kirchenjahreszeit passendem Inhalt)
   ●  gesprochene Gebete, Stille
   ●  Zweites Gemeindelied (Abendlied)
   ●  Segen
   ●  Orgelnachspiel mit Auszug der Ausführenden

Der Evensong-Chor in der Marienkirche

Obwohl für “echte englische Verhältnisse" in Rostock einiges fehlt (die eigene kirchliche Schule, die reiche Probenzeit und mehr), ist auch in unserer Stadt vieles möglich, und man kann all jene Eigenschaften der Marienkirche nützen, die sie für diese Adaption besonders geeignet macht. Die Nutzung heizbarer Kirchen der Innenstadt (Universitäts- und Nikolaikirche) erlaubt Evensong auch im Winterhalbjahr.

Seit 2012 Jahren verschafft das Evensong-Projekt unseren Chorkindern wie auch dem Kammerchor eine anspruchsvolle Aufgabe, die zugleich das gottesdienstliche Leben der Innenstadt bereichert und St. Marien eine adäquate liturgisch-musikalische Nutzung verschafft.

Begleiten Sie uns als Zuhörer und Mitfeiernde!

Kommende Termine finden Sie in der Übersicht>>
 

Eine Zusammenstellung kurzer Hörbeispiele aus dem Evensong vom 10. Juni 2012 bietet Ihnen diese Datei:
www.marien-musik.de/audio/evensong100612.mp3