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Die Geschichte der Marien-Kantorei
Im Jahr 1948 kam KMD Dr. Hans-Joachim Wagner nach Rostock, um als erster
Kirchenmusiker im heutigen Sinne an der Marienkirche tätig zu werden. Zuvor war lediglich ein Organist angestellt (Hans von Holten, 1920-1947). Mit Wagner wurden
erstmals die Aufgaben des Organisten und des Kantors (lat. “Sänger”, der Leiter der Chöre) vereint. Wagner war in Elbing (Ostpreußen) aufgewachsen und hatte Studien in
Freiburg/Br. und Berlin hinter sich. Noch heute erinnern sich viele Menschen in Rostock mit Ehrfurcht an Wagners Arbeit. In schwersten Verhältnissen - zunächst unter sowjetischer Besatzung und in der später
entstehenden DDR - leistete er effektive kirchenmusikalische Aufbauarbeit. Schon 1949 wurde Händels “Messias” aufgeführt, zahlreiche große Werke evangelischer Kirchenmusik folgten, so alle oratorischen
Werke Bachs, aber auch Brahms “Ein deutsches Requiem”, Martin “In terra pax” und “Golgatha”, Messen der Wiener Klassik. Für einige Zeit existierte auch ein Knabenchor.
In der Universitätskirche fanden längere Zeit Aufführungen von Bach-Kantaten (ergänzt mit Motetten, Orgelmusik und Evangelilenlesung) außerhalb von Gottesdiensten statt,
um auch jenen Interessierten einen Besuch zu ermöglichen, die sich nicht in kirchlichem Umfeld zeigen durften. Der Chor traf sich zwei Mal wöchentlich zu den
erforderlichen Proben. Ebenso bestand ein Instrumentalkreis als Grundlage für Kantatenbegleitungen und eigene Kammermusikprogramme, der bedarfsweise durch
professionelle Musiker erweitert wurde. Stets wurde auch die gottesdienstliche Musik bedacht, außerdem war Wagner ein hervorragender Organist mit auch aus heutiger Sicht weitgespanntem Repertoire, wie die
erhaltenen Programmblätter beweisen. Zu seinem Dienstantritt war die Orgel erst 10 Jahre alt, und er schätzte sie sehr.
1983 folgte ihm KMD Joachim Vetter im Amt des Marienkantors nach. Vetter stammt aus Sachsen und war zuvor in Meerane tätig gewesen. Er war ebenfalls als
Konzertorganist sehr aktiv und zugleich von sächsischer Frömmigkeit und Musikalität geprägt. 1982 begann der Aufbau einer Kurrende für Kinder und Jugendliche, auch
diese wurde zu einer verlässlichen Stütze gottesdienstlichen Singens. Für ehemalige Chor-Mitglieder wurde der Seniorenchor gegründet, um aus Altersgründen
ausgeschiedenen Sängerinnen und Sängern die Heimat in der Marienkantorei sowie eine singende Gemeinschaft zu erhalten. Der Marien-Chor war inzwischen auf etwa 120 Mitwirkende
angewachsen. Für zehn Jahre bestand ein Kammerchor, der einen Teil der Programme allein übernahm. Es erklangen in Vetters Amtszeit u. a. Händel “Judas Maccabäus”, Mozarts Requiem, Bernsteins “Chichester
Psalms” in der großen Besetzung, Telemann “Matthäus-Passion” und viele Werke, so auch alle Passionen und die Exequien, von Heinrich Schütz.
Während die politischen und organisatorischen Erschwernisse in den 80er-Jahren weiter zunahmen (z. B. Verhinderung der Orchestermitwirkung bei Oratorien durch
plötzliche willkürliche Änderungen des Theaterspielplans, Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Ersatzteilen für die Orgel oder Arbeitszeitkontingenten für deren
Einbau), fielen letztlich auch die bedeutenden Monate der friedlichen Revolution im Jahr 1989 in Vetters Amtszeit. Die Marienkirche wurde zum Zentrum der
Friedensgebete, hier sprach Joachim Gauck vor tausenden Zuhörern.
Waren ab 1990 die neuen Reisemöglichkeiten (der Chor reiste später u. a. nach Israel) und problemloser Zugang zu Materialien große Erleichterungen, brachte die veränderte
gesellschaftliche Situation für die Kantoreiarbeit doch auch neue Herausforderungen mit sich: Viele Menschen verließen ihre Heimat in Richtung Westdeutschland, um dort
bessere Arbeitsmöglichkeiten wahrzunehmen. Die Bekenntnis-Funktion kirchlicher Gruppen, in denen sich Familien generationsübergreifend bewegten, nahm ab, das Freizeitverhalten und die
Art kirchlicher Bindung änderten sich. Die Besucherzahlen für kirchliche Konzerte gingen in der Folge zurück. Andererseits konnten längst überfällige Restaurierungsmaßnahmen an der Kirche begonnen werden.
Ender der 90er-Jahre sah man sich veranlasst, die bisher unabhängigen Rostocker Kirchengemeinden
Marien, Petri-Nikolai und Jakobi zur Ev.-Luth. Innenstadtgemeinde zusammenzufassen - ein Prozess, der mit Schwierigkeiten verbunden war.
Im Jahr 2007 wechselte Joachim Vetter in den Ruhestand, ist aber an seinem heutigen Wohnort Berlin
weiter musikalisch aktiv.
Im Jahr 2007 trat Karl-Bernhardin Kropf die Nachfolge Vetters an. Seine kulturelle und berufliche Herkunft - katholisch aufgewachsen in Österreich, mit Studienabschlüssen
für katholische und evangelische Kirchenmusik sowie Erfahrungen aus weiteren Kirchen bzw. Konfessionen - ließen ihn gemeinsam mit Pastor Tilman Jeremias ein tendenziell
hochliturgisches Profil für die Gottesdienste anstreben, wobei es für Kropf allerdings keine Berührungsängste mit populären neueren Musikstilen gibt.
Erwünscht waren zum Dienstantritt auch der dann erfolgte Wiederaufbau des Posaunenchores und die
fachkundige Klärung der Zukunft der großen Orgel (hierzu wurde 2009 eine Expertentagung veranstaltet). Mit der zusätzlichen Verpflichtung von Jana-Christin Walter wurde ein auf zwei Leitungspersonen
aufbauendes Konzept zur musikalischen Arbeit mit den Kindern entwickelt, welches Singschulcharakter aufweist. Nach ersten Jahren der Orientierung, der Wiedergründung eines Kammerchores (der für die
künstlerisch leistungsorientierte Chorarbeit steht) und Akzenten im Bereich Alte Musik, liegt das Ziel aller Arbeit heute in folgenden Leitsätzen:
1. Jeder Mensch kann und soll singen -
Dieser Grundsatz prägt die Arbeit mit Kindern und, so weit wie möglich, mit Erwachsenen.
Über möglichst viele ganzheitliche Erfahrungen, vor allem durch Bewegung, werden schon Kleinkinder
(gemeinsam mit ihren Eltern) in das Singen eingeführt. Es wird unterstellt, dass bei regelmäßigem Probenbesuch auch gesanglich nicht vorgebildete Stimmen zu einem sehr gepflegten Chorklang
zusammengeführt werden können. Der Seniorenchor wurde vom 14tägigen auf einen wöchentlichen Rhythmus umgestellt, um auch hier die für Leib und Seele gesunde Wirkung des Singens vermehrt
erschließen zu können. Insgesamt wird in fröhlicher Atmosphäre gerade auch stimmbildnerisch effektiv gearbeitet.
2. Hohe Qualität in Konzerten für die Stadt und die zahlreichen Besucher im Sommer - Wir tragen zum reichen kirchenmusikalischen Leben Rostocks bei und wollen Einheimischen wie
Touristen die Schönheit der Marienkirche auch klanglich erschließen.
Im Sommerhalbjahr hören täglich bis zu 200 Personen die Orgel im Mittagsgebet. Traditionelle
Kirchenkonzerte finden statt. Aufgrund der besonderen Herausforderungen des großen Raumes werden die “Räume im Raum” zunehmend auch für Musikdarbietungen erkundet. Besonders erfolgreich waren
Konzerte in historisch orientierter Aufführungspraxis in der Vierung der Marienkirche, also der Kreuzung von Haupt- und Querschiff. Weiterhin bleibt es Aufgabe, immer wieder auch Musik aus den Bauepochen
der Kirche, also dem 14. und 15. Jahrhundert zum Klingen zu bringen, ebenso wie Gregorianischen Choral, der auch in Rostock für den mittelalterlichen Gottesdienst steht. Mit hohen Anteilen an
Orgelimprovisation sowie mit Uraufführungen geistlicher Werke wird auch die Aktualisierung der Kirchenmusik gesucht.
3. Passende Musik für hochkirchliche Gottesdienste in einem mittelalterlichen Raum - Eine gotische Kathedrale verlangt auch im protestantischen Gottesdienst gewisse Rituale und die passende musikalische Gestaltung.
Die Marienkirche ist grundsätzlich kein Museum. Daher ist auch eine dem Raum angemessene
gottesdienstliche Nutzung anzustreben. In einem längeren Prozess wird der Gottesdienst von der ausschließlichen Bindung an regionale Traditionen befreit. Es wird versucht, während oder nach der
Reformation entstandene Brüche sowie nicht mehr erkennbare Bedeutungen entstellter Rituale wiederherzustellen. Dies bleibt weiterhin Aufgabe und ist sowohl unter dem Aspekt “ecclesia semper reformanda” (Die Kirche ist eine sich stets Erneuernde) wie auch unter dem Paulus-Wort “Prüfet alles, das
Gute behaltet” zu betrachten. In der chormusikalischen Gestaltung wird auf Mitvollziehbarkeit der Musik und gediegene Darbietung im
Rahmen der Möglichkeiten des jeweiligen Chores geachtet. Die Ausnutzung des reichen Potentials einer großen viermanualigen Orgel sowie zusätzlicher Tasteninstrumente ist selbstverständlich, ebenso wie die
Neuerstellung oder Bearbeitung von benötigter Musik. Eine gewisse Zäsur in diesen Bemühungen bedeutet der alljährliche Wechsel vom Hauptschiff der Kirche in die kleine Winterkirche für die Zeit von 1. Advent
bis Karfreitag (ausgenommen Heiligabend).
Kantoren und Organisten an St. Marien vor 1948
Schaufenster der Kantorengeschichte: Bilder von sieben Marienkantoren bzw. -organisten sowie die
vollständige Liste aller zwanzig Organisten seit 1593 (siehe unten) auf der Orgelempore.
Von den Marienmusikern überregional bekannt geworden sind nur Daniel Friderici, Marienkantor von 1618
bis 1638, ab 1623 auch Kapellmeister der anderen Stadtkirchen (in Wikipedia>>) - er fehlt auf der Liste, da
er nicht Organist war - sowie Nicolaus Hasse, Organist von 1642-1672 (in Wikipedia>>).
Nicolaus Gottschovius (= Gotschow), 1557-1624, ist mit seinem fünfstimmigen Chorsatz “Lobt Gott, ihr Christen” in modernen Sammlungen vertreten, weitere größere Chorwerke sind noch erhalten.
Die Marienorganisten blieben relativ lange im Amt. Bis auf Peter Qualmaus sind sie in Rostock verstorben. In
dieser Region scheint keine attraktivere Stellung erreichbar gewesen zu sein.
Die Organisten an St. Marien:
1593-1605 Petrus Schröder 1605-???? Nicolaus Gotschow 1642-1671 Nicolaus Hasse
1672-1684 Peter Qualmaus (“heimlich entwichen”) 1688-1701 Heinrich Rogge 1702-1709 Petrus Lockelvitz 1710-1760 Caspar Michael Stapel 1760-1757 Joh. Andreas Stapel
1757-1793 Joh. Bernhard Riedel, Bauherr der heute als Fassade noch erhaltenen Orgel 1793-1807 Dr. Andreas F. G. Riedel 1807-1831 Eucharius Florschütz 1831-1851 A. H. Sponholz 1851-1872 J. C. Zerk
1872-1899 Hermann Berger 1899-1920 Hans Klöres (zuvor Kantor) 1920-1947 Hans von Holten 1948-1982 Dr. Hans-Joachim Wagner 1938-2007 Joachim Vetter (lebt nun in Berlin)
2007- Karl-Bernhardin Kropf
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